Dokumentarfotografie in Wort und Bild zeigt wie sich Geschichte wiederholt

Nomaden in London 1877

Sozialdokumentarische Fotografie hat erstmals eine historische Dimension, weil sie nachweislich zeigt, dass sich Armut und Nomadisierung in der westlichen Industriewelt jetzt gerade das dritte Mal wiederholt. Vor der Erfindung der Fotografie konnte man dies nicht so direkt sehen. Heute können wir einen Blick auf die Fotos werfen und schon sind wir mittendrin.

Beginnen wir mit der Gegenwart.

Dazu dienen mir beispielhaft drei Bücher. Fotos dazu gibt es im Netz genug.

Armutssafari von Darren McGarvey ist das erste Buch, das ich nennen möchte.

„Ich habe versucht für Leute wie mich zu schreiben, die Schwierigkeiten mit dem Lesen haben; ich möchte sie einladen, ganz nach Belieben in die Texte ein- und wieder daraus aufzutauchen.“

Dieser Satz aus der Einleitung ist so bemerkenswert wie typisch für dieses interessante Buch.

Darren McGarvey ist ein Mensch mit politischem Bewusstsein und offenen Augen. Und er spürt wie viele Menschen, die denken und lesen gelernt haben und reflektieren können, dass die Armut erbarmungslos ausgrenzt und abgrenzt.

Menschen in Armut können vielleicht denken aber dürfen nichts tun, da wo Geld regiert und die Regeln bestimmt. Er erklärt aus eigenem Erleben warum die „Linken“ versagen und wieso nicht alles schlecht ist.

Viele „medial verarbeitete“ Ereignisse geben materiell armen Menschen das Gefühl, „dass man nicht mehr teilnehmen darf an der Unterhaltung über das eigene Leben.“

Er belegt dies reichhaltig.

Und er schildert wie aus dem guten Gedanken der Hilfe letztlich eine „Armutsindustrie“ entstanden ist: „Erfolg bedeutet, dass genug Probleme erhalten bleiben, um die Karriere aller Beteiligten aufrechtzuerhalten und zu fördern. Erfolg ist nicht die Beseitigung der Armut“(140).

Das ist ja spiegelbildlich in Deutschland zu finden. Statt z.B. die Rentenkürzungen rückgängig zu machen und den Menschen wieder ihr verdientes Geld zu geben und Möglichkeiten zu schaffen, aus Hartz 4 zu kommen, werden Bürokratiemonster geschaffen, die die Betroffenen fressen.

Wenn Mcgarvey von Selbstachtung spricht, die man bei Armut aufbauen müsste, um den Mut zu erhöhen, nicht apathisch zu werden oder zu bleiben, ist die Wirklichkeit eher von Entwürdigung und Gängelei geprägt.

Die Berliner Zeitung hat auch einen sehr informativen Bericht darüber veröffentlicht, der in folgender Botschaft gipfelt: „Im Prinzip hat McGarvey drei Botschaften. Erstens: Chancengleichheit ist praktisch eine Illusion. Zweitens: Sogenannte Sozialarbeit ist größtenteils eine Anmaßung, denn die Leute wissen selbst am besten, was sie brauchen. Und drittens: Jeder kann und muss sich selbst retten. Reißt euch zusammen, Leute! ruft er in die Viertel hinein. Glaubt nicht, was die Mittelschicht über euch sagt, nehmt euer Leben selbst in die Hand! Wie es W.E.B. DuBois über das doppelte Bewusstsein der unterdrückten Schwarzen gesagt hat, dass nämlich deren eigenes Bild von sich von dem überlagert werde, das ihre Unterdrücker von ihnen haben, so leiden McGarvey zufolge Angehörige der Unterschicht ganz wesentlich daran, dass ihnen nichts zugetraut wird – und richten sich selbst entsprechend zu. Ein Teufelskreis, der sich in der Wut ausdrückt, im Selbsthass, der nach außen projeziert wird.“

Die Wurzeln des Zorns von Vincent Jarousseau ist das zweite Buch, das ich nennen möchte.

„Aus dem Alltag von Menschen, die in unserer Gesellschaft nicht mehr zählen“ lautet der Untertitel des Buches.

Hier hat ein Dokumentarfotograf ein Buch gemacht, das Fotos mit Grafiken und erzählenden Sprechblasen mischt, eine sogenannte Graphic Novel.

Es ist eine gute Mischung geworden, die das Thema über Fotos viel sichtbarer und einsehbarer macht als es ein Text allein könnte.

Die Gelbwesten in Frankreich sind die aktuelle Antwort auf das Frankreich von Macron. Die Montagsdemos waren die Antwort auf die Einführung von Hartz 4 in Deutschland.

Obwohl es Millionen betrifft, ist es kein Thema für die Mehrheit, weil Menschen sich eher ducken als sich zu wehren.“

Nomaden der Arbeit von Jessica Bruder ist das dritte Buch, das ich nennen möchte.

Frau Bruder berichtet über das Leben im Auto in den USA und zeigt das ganze Ausmass des fehlenden Sozialstaats am Beispiel von Linda und später anderen Menschen, die sie kennengelernt hat.

Gute Bildung schützt nicht vor Abstieg, gute private Vorsorge schützt nicht vor Abstieg und viel Fleiß schützt ebenfalls nicht vor Abstieg.

Jessica Bruder beschreibt aber nicht nur die anderen sondern auch sich selbst beim Erkunden und Entdecken dieser Welt, die direkt neben ihr vorhanden ist, aber die man erst sehen lernen muß.

Jeder Asylant in Deutschland ist ohne Gegenleistung wesentlich besser sozial versorgt und abgesichert als die #vanlife Menschen in den USA.

Aber wie das so ist.

Fast der Einzige, der in dieser Not den Menschen und vor allem denen über 50 eine Chance zum Arbeiten im großen Stil gibt, ist amazon.  Amazon bietet Campingplätze an, wo die Vanlife Menschen übernachten können, um dann bei Amazon in den Warenverteilzentren zu arbeiten. Natürlich schlecht bezahlt und ohne soziale Absicherung. Aber dafür kann man kostenlos aus Automaten Schmerztabletten ziehen und auf dem Boden der Toiletten sind die Urinfarben aufgezeichnet, damit man vergleichen kann, ob man genug trinkt ….

Gewerkschaften sind tabu. Daher ist es interessant mit welcher Vehemenz amazon auch in Deutschland Tarifverträge verhindert.

Man sieht hier, was passiert, wenn Gewerkschaften schwach werden und der Sozialstaat weiter erodiert.

Dieses Buch ist nun verfilmt und gewinnt Preise.

Und dann?

Demokratie kann man nicht essen und eine echte Daseinsvorsorge durch den Staaat ist wesentlich. Daher ist die Situation so ernst, wenn man Menschenrechte und Demokratie wirklich will. Wenn die Regierenden und die Herrschenden soziale Gerechtigkeit und Demokratie auf Augenhöhe nicht mehr ernst nehmen, dann kippt alles.

Hier fängt die Vergangenheit an.

Mein Beispiel ist das Buch Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa von Erich Grisar. Dies ist so ein historischer Spiegel, um uns heute historisch einzuordnen. Keine hundert Jahre ist es her und die Bilder gleichen denen von heute sehr.

Wenn wir dann noch weiter zurückgehen und ins Jahr 1877 wechseln und nach London schauen, erblicken wir wieder dasselbe.

Auch dort gab es das Nomadentum im Westen in der industriellen Ära schon mal.  Und es wurde von John Thomson fotografisch vollumfänglich dokumentiert und heute sogar in Farbe wiederbelebt.

Alles mit Fotos dokumentiert und nach der Verbesserung kam jedes Mal der Rückschritt. Heute nähern wir uns wieder einem solchen Punkt. Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder, jedoch niemals auf die gleiche Weise haben wir oben gelesen. So ist es.

Es ist eben alles schon mal da gewesen und wir wissen auch, wie man es behandeln muß.

Aber Regierende hören eher auf Herrschende statt auf kleine Leute.

Was bleibt ist seit 150 Jahren dies alles fotografisch zu dokumentieren…

Hinweis: Das Foto ist unter der creative commones license nutzbar Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike (CC BY-NC-SA 3.0), siehe https://digital.library.lse.ac.uk/objects/lse:jer426cev

Nachtrag: Am 29.08.2021 wurde der Artikel überarbeitet und erweitert.

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